Marine-Schiffspost nach Berlin Neukölln
Marine-Schiffspost nach Neukölln: Zwei Kriegspostkarten aus der Sammlung Berninger
Manche Postkarten sind mehr als hübsche Motive. Sie sind kleine Zeitkapseln, die Menschen, Orte und ganze Lebensumstände festhalten. Genau darum geht es in diesem Sammlungsreport: Wir stellen zwei gelaufene Ansichtskarten aus dem Ersten Weltkrieg vor, die beide an dieselbe junge Frau in Berlin-Neukölln gerichtet waren – ein Fräulein Lissi Berninger.
Beide Karten stammen aus der Sammlung „Berninger“, die derzeit aufgelöst wird. Die einzelnen Stücke werden nach und nach auf eBay angeboten. Dieser Beitrag versteht sich in erster Linie als dokumentarische und sammlerische Einordnung – mit einem sachlichen Blick auf Motiv, Verlag, Postgeschichte und den historischen Rahmen.
Das erwartet dich in diesem Report:
- Karte 1: Schweninger – „Unterhandlung / Pourparler“ als Marine-Schiffspost der S.M.S. Prinzregent Luitpold
- Karte 2: Lehnert & Landrock – „Le curieux“ als Feldpost über die Marine-Schiffspost Nr. 29
- Der sammlerische und genealogische Wert beider Stücke
- Der historische Hintergrund rund um die Kaiserliche Marine
Karte 1: Schweninger – „Unterhandlung / Pourparler“
Die erste Karte ist eine farbige Jugendstil-Lithografie nach einem Motiv des Künstlers Schweninger. Sie zeigt eine junge Frau in einem hellen, fließenden Gewand, die sich barfuß am Ufer eines Teichs zu einem weißen Storch hinabbeugt. Der Storch steht im flachen Wasser, den Hals nach oben gebogen, den Schnabel geöffnet – fast wie in einem stillen Zwiegespräch. Genau darauf spielt der dreisprachige Titel an: „Vyjednávání“ (tschechisch), „Unterhandlung“ (deutsch) und „Pourparler“ (französisch).
Motiv und Verlag
- Künstler: Schweninger
- Bildthema: idyllische Jahrhundertwende-Szene, Harmonie von Mensch und Natur
- Verlag / Serie: Salon J.P.B.
- Kartennummer: 1120
- Technik: Farblithografie mit feinem Rasterpunktmuster, typisch für frühe Sammelkarten
- Kartenart: Ansichtskarte mit geteilter Rückseite
Die postalische Verwendung
Für Sammler wird es auf der Rückseite besonders spannend. Die Karte lief als Marine-Schiffspost – ein Hinweis, der handschriftlich sogar ausdrücklich als „Marine – Schiffspost“ vermerkt und unterstrichen ist. Als Absender ist Willy Lange genannt, an Bord der S.M.S. Prinzregent Luitpold, I. Division. Eine Briefmarke oder ein Poststempel sind nicht erkennbar, was typisch ist: Marine- und Feldpost lief in jener Zeit häufig portofrei.
Die handschriftliche Nachricht ist in alter deutscher Schrift (Kurrent/Sütterlin) verfasst und datiert auf den 10. März. Willy Lange schreibt hier in erstaunlich leichtem Ton: Er nimmt scherzhaft Bezug auf das Storchmotiv und stellt fest, dass der „Klapperstorch“ trotz des Krieges „noch gute Geschäfte“ mache – bei der großen Kälte nehme er aber wohl keine Bestellungen mehr entgegen. Ein kleiner, warmherziger Spaß mitten in einer schweren Zeit. Eine kopfüber geschriebene Randnotiz bestätigt außerdem den Empfang eines früheren Briefes – ein klarer Hinweis auf einen regelmäßigen Briefwechsel.
Empfängerin war Frl. Lissi Berninger in Neukölln.

Zwei Vintage-Marine-Schiffspost-Postkarten der Sammlung Berninger an Lissi Berninger in Berlin-Neukölln, Motive Schweninger und Lehnert & Landrock.
Karte 2: Lehnert & Landrock – „Le curieux“ (Nr. 705)
Die zweite Karte schlägt einen ganz anderen Ton an. Es handelt sich um eine kolorierte Orientalismus-Fotokarte aus dem bekannten Verlag Lehnert & Landrock, der vor allem für seine Nordafrika-Aufnahmen berühmt wurde. Das Motiv trägt den Titel „705 – Le curieux“ („Der Neugierige“) und zeigt eine junge nordafrikanische Frau in einem sonnendurchfluteten Raum sowie einen Jungen mit rotem Fez, der neugierig durch ein vergittertes Fenster hineinschaut.
Motiv und Verlag
- Verlag: Lehnert & Landrock, mit grünem „LL“-Signet
- Bildnummer: 705
- Bildthema: gestellte, romantisierte „orientalische“ Szene, typisch für die Reisefotografie Nordafrikas um 1900
- Technik: kolorierte Foto-Ansichtskarte in warmen Haut-, Weiß-, Blau- und Sandtönen
- Kartenart: Feldpostkarte mit geteilter Rückseite
Aus heutiger Sicht ist das orientalistische Motiv auch ein kulturhistorisches Zeugnis seiner Entstehungszeit – es spiegelt die Bildkultur und den Blick der Kolonialzeit wider.
Die postalische Verwendung
Diese Karte ist postgeschichtlich besonders gut dokumentiert. Sie lief als Feldpost über die Marine-Schiffspost und trägt einen klaren Rundstempel:
- Stempel: „KAIS. DEUTSCHE MARINE-SCHIFFSPOST № 29“, mit dem Ortsbezug Libau
- Schreibdatum: 28. Juli 1916 (Ortsangabe „Kovno“)
- Stempeldatum: 16. August 1916 – die Laufzeit über die Schiffspost ist damit belegt
- Frankatur: keine Marke, das Markenfeld bleibt leer (Feldpost portofrei)
Der Text stammt vom Matrosen E. Wulf, der sich als gebürtiger Hamburger vorstellt. Er bedankt sich höflich für eine zuvor erhaltene Karte, versichert, dass es ihm gut gehe, und bittet um „einige Zeilen von der Heimat“. Eine Randnotiz bittet darum, bald wieder an seine alte Adresse zu schreiben. Auch hier wird also ein fortlaufender Briefwechsel greifbar.
Empfängerin war erneut Frl. Berninger in Neukölln – diesmal mit vollständiger Adresse: Steinmetzstraße Nr. 10.
Der sammlerische und genealogische Wert
Beide Karten sind für sich genommen reizvolle Objekte. Zusammen bilden sie jedoch einen besonders dichten Rechercheansatz, weil sie eine reale Person über zwei verschiedene Absender hinweg verbinden.
Für Sammler sind vor allem diese Merkmale interessant:
- klar zuordenbare Motivkunst (Jugendstil bei Schweninger, Orientalismus bei Lehnert & Landrock)
- eindeutige Verlags- und Seriennummern (Salon J.P.B. Nr. 1120, Lehnert & Landrock Nr. 705)
- ein starker Bezug zur Marine- und Feldpost der Kaiserlichen Marine
- ein benanntes Kriegsschiff (S.M.S. Prinzregent Luitpold) und eine benannte Schiffspoststelle (Nr. 29)
Für Heimat- und Ahnenforscher liefern die Karten wertvolle Ankerpunkte:
- Empfängerin: Lissi Berninger (Fräulein, also unverheiratet), Berlin-Neukölln, Steinmetzstraße 10 – ein klarer Startpunkt für Adress-, Melde- und Kirchenbücher
- Absender: Willy Lange (S.M.S. Prinzregent Luitpold) und Matrose E. Wulf (Marine-Schiffspost Nr. 29, Bezug zu Hamburg) – Anhaltspunkte für Marine-Ranglisten und Musterrollen
- Datierungen: 10. März sowie 28. Juli / 16. August 1916 als zeitlicher Rahmen
- Hinweise auf regen Briefwechsel: mögliche Anknüpfungspunkte für weitere Korrespondenz

Zwei Vintage-Marine-Schiffspost-Postkarten der Sammlung Berninger an Lissi Berninger in Berlin-Neukölln, Motive Schweninger und Lehnert & Landrock.
Historischer Hintergrund: Kaiserliche Marine und Schiffspost
Beide Karten stammen aus dem Ersten Weltkrieg und verbinden ein friedliches Bildmotiv mit dem Alltag der Marinekorrespondenz. Die S.M.S. Prinzregent Luitpold war ein Großlinienschiff der Kaiser-Klasse der Kaiserlichen Marine, ab 1913 in Dienst, und nahm an den Operationen der Hochseeflotte teil – unter anderem im Umfeld der Skagerrakschlacht 1916.
Die Marine-Schiffspost stellte sicher, dass Besatzungsmitglieder auch von Bord aus mit der Heimat in Kontakt bleiben konnten. Karten wie diese dokumentieren daher gleich mehrere Ebenen:
- die Motivkunst der Salon- und Fotoverlage jener Jahre
- die Postgeschichte der Kaiserlichen Marine
- ein Stück Berliner Stadtgeschichte rund um Neukölln
- und ganz persönliche Momente zwischen Front, Bordalltag und Heimat
Genau diese Mischung macht solche Stücke für Freunde der Marinegeschichte, für Postgeschichtsinteressierte und für Sammler von Künstlerkarten so reizvoll.
Fazit und Hinweis zur Sammlungsauflösung
Zwei Karten, zwei Absender, eine Empfängerin: Die Stücke aus der Sammlung Berninger zeigen, wie viel Geschichte in einer einzelnen Ansichtskarte stecken kann. Vom scherzhaften Storchmotiv über die orientalistische Fotokarte bis zu den klaren Spuren der Marine-Schiffspost entsteht ein kleines, zusammenhängendes Zeitbild aus dem Neukölln des Jahres 1916.
Zum Hintergrund dieses Beitrags: Die Sammlung „Berninger“ wird derzeit aufgelöst. Die einzelnen Vintage-Postkarten aus diesem Bestand werden nach und nach über eBay angeboten. Dieser Report dient in erster Linie der dokumentarischen und sammlerischen Einordnung der Stücke.
Hast du selbst schon einmal Marine-Schiffspost oder eine geschlossene Korrespondenz an dieselbe Empfängerin entdeckt? Teile deine Beobachtungen und Hinweise – gerade bei Fundberichten wie diesem hilft jede zusätzliche Perspektive weiter.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Informations- und Dokumentationszwecken im Rahmen eines Sammlungsreports. Angaben zu Verlag, Serie, Datierung, Herkunft sowie zu Absendern und Empfängerin beruhen auf der Auswertung der vorliegenden Karten und der handschriftlichen Texte; einzelne Lesungen können durch weitere Recherche ergänzt oder korrigiert werden. Der Beitrag stellt keine Wertermittlung, Echtheitsgarantie oder verbindliche historische Einordnung dar. Genannte Marken-, Verlags-, Schiffs- und Personennamen dienen der Beschreibung und Zuordnung der historischen Objekte. Ein etwaiger Verkauf einzelner Karten über eBay erfolgt unabhängig von diesem redaktionellen Beitrag.












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[…] Zwei Postkarten, ein Adressat und ein ganzes Stück deutsche Geschichte: Manchmal steckt in einem kleinen Stück Karton mehr Erzählung als in einem ganzen Fotoalbum. Genau das gilt für zwei gelaufene Ansichtskarten aus dem Ersten Weltkrieg, die beide an dieselbe junge Frau in Berlin-Neukölln gerichtet waren – ein Fräulein namens Lissi Berninger.
Die erste Karte trägt das Jugendstil-Motiv „Unterhandlung / Pourparler“ nach Schweninger und zeigt eine junge Frau im Zwiegespräch mit einem Storch. Sie lief als Marine-Schiffspost von Bord der S.M.S. Prinzregent Luitpold, geschickt von einem Matrosen namens Willy Lange. Die zweite Karte schlägt einen ganz anderen Ton an: „Le curieux“ aus dem Verlag Lehnert & Landrock, eine kolorierte Orientalismus-Fotokarte, versandt 1916 als Feldpost über die Kaiserliche Deutsche Marine-Schiffspost Nr. 29 durch den Matrosen E. Wulf.
Für Sammler, Postkartenfreunde und Ahnenforscher sind solche Stücke echte Fundgruben. Sie verbinden Motivkunst mit Postgeschichte, benennen konkrete Schiffe und Absender und liefern mit Namen, Adressen und Datierungen greifbare Ankerpunkte für die weitere Recherche. In diesem Sammlungsreport ordnen wir beide Karten Schritt für Schritt ein – von Motiv und Verlag über die Marine-Schiffspost bis zum historischen Hintergrund.
Ein Hinweis zum Anlass: Die Sammlung „Berninger“ wird derzeit aufgelöst. Die einzelnen Vintage-Postkarten aus diesem Bestand werden nach und nach über eBay angeboten. Dieser Beitrag versteht sich in erster Linie als dokumentarische und sammlerische Einordnung – begleite uns also gern auf dieser kleinen Zeitreise ins Neukölln des Jahres 1916. […]
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